Viele von uns kennen Plissees als moderne Fensterdekoration. Doch schon in der
Vergangenheit wurde das Plissee auch als Grundlage verschiedener künstlerischer
Darstellungen genutzt.
 |
Faltrollos von H. Schulze & C.Schlegel im Albertinum Dresden 2017 |
Künstlerisch sehr interessante Plissees sind zur Zeit in der Ausstellung
"Geniale-Dilletanten" im Albertinum Dresden zu sehen. Die Ausstellung
zeigt die künstlerische Alternativszene der BRD und DDR der 1980er Jahre,
welche damals durch Proteste und Provokationen national und international
Aufsehen erregten. Ein prägentes Ereignis dieser Zeit war das Festival
"Intermedia I", welches 1985 in Coswig veranstaltet wurde. Es war zu
DDR Zeiten das wohl radikalste Experiment und das erste Subkulturfestival, dass
über zwei Tage im Klubhaus in Coswig stattfand. Bei dem Festival traten
Punkbands auf, es gab eine OFF-Modenschau, 8mm Filmpräsentationen, Performances
u.a "Herakles Projekt" sowie auch die Ausstellung von eigens für
dieses Festival bemalten, beklebten und beschriebenen Plissee Rollos. Sie
dienten dem Festival als Kulisse. 40 DDR-Künstler zeigten auf dem Festival ihre
politische Einstellung. Es handelte sich um den repräsentativen Querschnitt der
autonome bzw. inoffizielle Kunstszene der DDR. Zu den Künstlern die aus
Ostberlin, Dresden, Karl Marx Stadt, Magdeburg, Cottbus und Schwerin stammten
gehörten u.a. Paul Böckelmann, Steffen Fischer, Michael Freudenberg, Hubertus
Giebe, Klaus Hähner-Springmühl, Andreas Hegewald, Johannes Heisig, Christiane
Just, Walter Libuda, Hans Scheuerecker, Christine Schlegel, Wolfgang Smy, Jörg
Sonntag, Matthias Stein, und Claus Weidensdorfer.
Das Faltstore wurde als Projektionsfläche gewählt, da es diese in der
Mangelwirtschaft der DDR gerade gab und sie sehr preiswert waren. "Der
große Vorteil des Plissees gegenüber einem Keilrahmen bestand darin, dass man
es sehr gut transportieren konnte" - sagte Christine Schlegel in einem
Video was in der Ausstellung zu sehen ist. Sie ist auch mit dem von Ihrem
gestalteten Plissee in Dresden vertreten. Christoph Tannert (Kurator) sagte zu
den Plissees: "Der Ballsaal in Coswig hat eine umlaufende
Balustrade. da muss man von oben was abhängen. Dafür bot sich ein
Material an, das leicht transportabel war, einfach befestigt werden konnte und
sich bemalen ließ. Faltrollos aus festem Papier sind ideal dafür geeignet. Die
Künstler, die wir im Auge hatten für die Bemalung, übrigens aus zwei
Generationen, waren sofort Feuer und Flamme."
Als Entdecker der Kunst auf Plissees gilt Dieter Ladewig aus Magdeburg. Er erprobte in den frühen 1980er
Jahren mit Malereien auf Faltrollos die Abkehr von der Leinwand. In Kombination
mit seinen Malereien auf Papierfaltrollos werden ganze Installationen
geschaffen, so etwa in der Ausstellung „Vorgänge I“ mit dem Projekt
„Desastres de la Guerra“ 1984 in Magdeburg und 1986 in Leipzig bei der Galerie
Eigen+Art
Ullrich
Wallenburg: In der DDR Kunst gab es nur selten auffallende Ereignisse, die man als
Phänomene hätte betrachten können. „das Rollo als aufrollender Vorhang, als
Sinnbild, die Abschottung nach außen, den Vorhang aus Eisen, in Gedanken
aufzuheben, ihn einzubeziehen, um weiter zu schauen, Blicke zu richten und
Schritte zu lenken. Bilder auf Faltungen als mobile Elemente innovativer
Ausbrüche wider die Statik erwünschter
Kunstübungen, mit der Sehnsucht, sie hinwegzutragen über die heruntergelassenen
Vorhänge, die Grenze heißen.“
Jörg Sperling: „Faltrollomalerei
– das war im Ansatz erstmal das Zugehen des Malers mit Pinsel und Impetus auf
die geometrisch strukturierte Fläche, die ganz einfach – mit Hilfe der
angebrachten Schnur zum Verschwinden gebracht werden konnte. Da hing zwischen
Verschwinden und Auftauchen schon was Immaterielles in der Luft. Das preiswerte
Material hatte eine niedrige Hemmschwelle zu Folge. Malerei wurde frei von
üblichen Bildbehandlungszwängen.“
Reinhild
Tetzlaff: „Die Rollo-Kunst entstand aus dem Drang des schnellen Reagieren-Müssens,
auf leicht zu verschleißndem Material – eine parabel in doppelter Bedeutung:
Schwierigkeiten mit dem Material, Schwierigkeiten mit der Repräsentanz. Die Rollo-Kunst brachte die konsequenteste Alternative zur allzuoft
überkünstelten Traditionsverpflichtung. Ich denke, bei der Rollo-Malerei, bei
der Bildträger das einfache verschleißbare Faltrollo ist, das seinerzeit noch
4,10 Mark kostete, liegt ein zutiefst gesellschaftlich-moralischer Aspekt
zugrunde, der ein Zeitzeugnis existentieller Grundhaltungsmotive einer sih
eruptiv-emotional äußernden Menschlichkeit widerspiegelt.
Rainer Zille: „Rollo-Fenster-Kunst“ (WTOPA-OKHO-UCKYCCTBO) Das Unbegreifliche der
Zeit liegt ihrer Unfaßbarkeit – ihrer Größe im Auslöschen fast alles Dinge.
Alle Kunstbemühungen seit der Spätklassik sind Teil einer riesigen Spirale, welche
die Zeit beliebig zusammendrückt und somit einiges verschwinden und in dessen
Folge anderes zu Tage treten läßt. Also ist es Zeit die Fenster-Rollo-Art zu
begründen. Das Rollo gehört zum Fenster; sein edelster Sinn besteht in der
Abschirmung, der Abgrenzung und der Verhüllung! Die Zeit fordert nun endlich
ihren ihr gemäßen künstlerischen Ausdruck“
Sigrid Noak: Die Faltung
des Faltrollos steigert durch Brechen des Lichtes flächige Gestaltungen. Sie
erzeugen vibrirende Lebendigkeit und erweitert die Malerei zum Relief. Das
behutsame Öffenen und Schließen der Jalousie ergibt eine Vielfalt von anderen
möglichen Kompositionen.
 |
Plakat zur Intermedia 1985 in Coswig |
Ausstellungen mit Faltrollos:
29.01.1984 „Vorgänge“ Magdeburg Installation von
bemalten Faltrollos
Clara Mosch
Galerie Karl Marx Stadt 1985
INTERMEDIA I in Coswig,
1.-2.6. 1985
Dieter Ladewig EIGEN + ART Leipzig 21.03.1986
Potsdam Nicolai
Kirche
„Berlin atonal“
„acht MAL“ Dresden 1987
bemalte Faltrollos, 1987 in der
Schlosskirche in Cottbus, von 15 Künstlern aus der DDR
Rolloausstellungen, Bemalte Rollos,
1989 fand dann in der Galerie Haus 23 statt.
New Territory: Art from East Germany“
Museum of Fine Art Bosten
"Boheme und Diktatur in der DDR"
1997 im Deutschen Historischen Museum in Berlin
"Geniale-Dilletanten" im Albertinum Dresden
2017